Ehrenamtsprojekte

Warum ein kleines Bäumchen manchmal viel größer ist als ein gestandener Baum

TANNENBÄUMCHEN AUF RÄDERN

Die Außentemperaturen werden einstellig, die Bäume verlieren die Blätter und auch die Uhr ist schon wieder umgestellt – langsam aber sicher steuern wir auf Weihnachten zu.

Für uns im Bürgerinstitut bedeutet das nicht nur Vorfreude auf das Fest, sondern seit vielen Jahren auch große Freude auf die „Tannenbäumchen auf Rädern“. Mit diesem schönen Projekt machen wir alleine lebenden Seniorinnen und Senioren, denen es zudem ganz häufig auch an sozialen Kontakten mangelt, in der Vorweihnachtszeit eine freudige Überraschung.

Wie machen wir das? Neben einer ganzen Reihe ehrenamtlich Engagierter aus dem Bürgerinstitut unterstützen uns seit mehreren Jahren auch zahlreiche Helfer aus ganz unterschiedlichen Unternehmen. Sie alle werden zum Weihnachtsmann und haben als Geschenk ein kleines Tannenbäumchen im Topf, eine Lichterkette und ein kleines Geschenk dabei. Aber damit nicht genug. Sie bringen auch Zeit mit – für eine Tasse Kaffee, für eine nette Plauderei und für ein bisschen Geselligkeit. Und das ist für die Beschenkten in der Regel das eigentliche Geschenk.

In diesem Jahr sind es rund 300 Bäumchen, die wir auf die Reise schicken. Aber viel wichtiger: Es sind 300 Mitmenschen, die sich über den Besuch sehr freuen und die für einen Moment ihren oft tristen Alltag vergessen können.

Eine von ihnen ist Isolde H. Frau H. lebt in einer kleinen Wohnung in einem der östlichen Stadtteile Frankfurts. Die Wohnung befindet sich in einem großen Wohnhaus aus den 1960er Jahren. Der Renovierungsstau ist deutlich erkennbar. Überall – von außen und auch nach Betreten des Hauses. Von Wohlfühlatmosphäre kann Claudia B, eine der Freiwilligen einer internationalen Bank, nichts spüren. Trotzdem freut sie sich auf den Besuch. Sie freut sich auf Isolde H. und darauf, mit ihr an diesem Tag ein paar schöne Momente zu teilen.

Claudia B. ist zum zweiten Mal dabei. Im letzten Jahr war für sie der Besuch eines verwitweten älteren Herrn derart ergreifend, dass sie keine Sekunde gezögert hat, auch dieses Mal wieder mitzumachen.

Im Flur des in die Jahre gekommenen Wohnblocks reiht sich Wohnungstür an Wohnungstür. Frau H’s zwei Zimmer sind im zweiten Stock. Claudia B. sieht Isolde H. schon von weitem am Ende des Flures. Ein warmer Händedruck und ein herzliches „Kommen Sie doch rein“ sorgen dafür, dass Hemmnisse erst gar nicht entstehen. Auf beiden Seiten.

Als Claudia B. die Wohnung betritt sticht ihr die karge Einrichtung sofort ins Auge. Eine Küchenzeile, ein kleiner Tisch, vier Stühle, ein Regal und ein Sofa. An den Wänden mehrere Bilder. Ohne Rahmen. Ohne Glas. Es sind Fotos aus Zeitschriften und Magazinen, die Isolde H. mit Reiszwecken befestigt hat.

Frau H. hat einen Kaffee vorbereitet und bittet Claudia B., doch Platz zu nehmen. Gemeinsam packen Sie das Bäumchen aus und schmücken es mit der beigefügten Lichterkette. Frau H. erzählt, dass Weihnachten für sie in jungen Jahren immer etwas ganz Besonderes war. Es wurden Plätzchen gebacken, Adventskalender gebastelt, die Wohnung geschmückt und all die Vorbereitungen getroffen, die für ein schönes Fest zu treffen waren.

Das allerschönste war aber, dass Weihnachten die ganze Familie zusammenkam. Damals in Berlin. Alle waren sie da, und auch wenn Isolde H’s Familie nicht sonderlich groß war, füllte sich die Wohnung mit ganz viel Leben.

Heute ist das anders. Ganz anders. Claudia B. hört Frau H. gespannt zu als sie ihr erzählt, dass Sie früh geheiratet hat. Dass sie der Liebe wegen ins Ausland gezogen ist, weit weg von ihrem vertrauten Umfeld, weg von ihrer Familie und ihren Freunden. Sie erzählt von einer schönen und guten Zeit mit ihrem Mann. Und von den vielen gemeinsamen Erlebnissen.

Und dann erzählt sie, dass sie ihren Mann verloren hat. Ziemlich plötzlich und unerwartet. Dass die Krankheit leider stärker war. Frau H. kämpft mit den Tränen.

Der Tod ihres Mannes hat Isolde H. zum zweiten Mal aus ihrem vertrauten Leben gerissen. Dieses Mal unfreiwillig. Plötzlich war sie alleine und von heute auf morgen mit allen Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert, um die sich ihr Mann immer gekümmert hatte. Sie erzählt ganz offen, dass sie überfordert war und dass sie in dieser Zeit den Anschluss verpasst hat.

Sie entschloss sich, nach Frankfurt zu ziehen. In Frankfurt wohnte eine alte Freundin aus Berliner Zeiten. Der Kontakt zu den wenigen Familienmitgliedern war über die Jahre abgebrochen. In Frankfurt angekommen, fasste Isolde H. leider nie richtig Fuß. Richtig anknüpfen konnte sie auch nicht an die alte Freundschaft. Zu unterschiedlich waren die Lebenswege. Zu verschieden die Interessen.

Zu allem Überfluss kämpft Frau H. seit vielen Jahren mit einer Einschränkung beim Gehen. Es fällt Ihr zunehmend schwer, so dass sie Außerhaus-Erledigungen auf das Notwendige beschränkt. Soziales Miteinander reduziert sich auf einen kleinen Plausch mit dem Inhaber des Zeitungskiosks oder der Verkäuferin beim Bäcker.

All das erzählt Isolde H. ohne Groll und ohne Jammern. Und trotzdem merkt Claudia B. sehr schnell, dass sie es sich hier und da anders wünschen würde. Umso schöner, dass Frau H. mehrmals ihre Freude über den Besuch zum Ausdruck bringt. Das Tannenbäumchen und die brennenden Lichter lässt sie dabei nie aus den Augen. Für den Moment scheint der Alltag mit all seinen Herausforderungen vergessen. Ein gutes Gefühl. Für beide.

Claudia B. fasst noch während des Besuches den Entschluss, Isolde H. auch nächstes Jahr zu besuchen. Nach rund eineinhalb bewegenden Stunden verabschiedet sie sich. Von Herzen sagt sie „Auf Wiedersehen“. Und sie meint es auch so.

 

Wenn auch Sie Freude schenken und Freude erleben möchten, dann melden Sie sich doch einfach bei uns. Wir freuen uns, wenn Sie im nächsten Jahr als Einzelperson, zusammen mit Freunden oder einem Team aus Ihrem Unternehmen dabei sein möchten.

 

IHR ANSPRECHPARTNER

Michael Beckmann

Michael Beckmann

Leiter Freiwilligenagentur

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